Wo sonst, wenn nicht hier? Wir „leben“ meist auf Höhen um 4000 Metern und wir fahren wie selbstverständlich auf Straßen über 5000 Metern herum. Da scheint es ein Leichtes zu sein, mal auf 6000 Meter zu wandern. Und tatsächlich, Bolivien und Peru eignen sich aufgrund der Höhenlagen sehr gut zur Besteigung ihrer zahlreichen 5000er und 6000er – ok, let’s go!
Einer der schönsten und auch beliebtesten Berge der Region ist der Huayna Potosi. Die vergletscherte Hochtour gilt – verglichen mit anderen 6000ern – als „relativ leichte“ Besteigung und wird von zahlreichen Agenturen in La Paz angeboten. Wir organisieren die Tour über einen privaten Bergführer, Roky, der mit uns in zwei Tagen den Gipfel erklimmen will.
In La Paz besorgen wir uns Eispickel und Steigeisen, packen unseren Bergguide ein und machen uns auf den Weg ins Zongo-Tal. Unterwegs wird noch eine Prepaid-Karte organisiert, „für den Notfall“, laut Roky. Hubschrauber oder Bergrettung im Allgemeinen gibt es in Bolivien nämlich nicht, erzählt er uns, aber per Handy könne er ja notfalls seine Kumpels alarmieren. Na, dann laden wir das Ding mal lieber auf…
Auf 4700 Metern parken wir den Bus und packen unsere Ausrüstung. Unter musikalischer Begleitung von Modern Talking aus Roky’s Handy steigen wir auf zum sog. High Camp auf 5100 Metern. Unterwegs passieren wir eine Kontrollstation, hier werden unsere Namen und Passnummern für einen klitzekleinen Unkostenbeitrag registriert, natürlich auch für den Notfall. Klaro, dann kann uns ja nichts mehr passieren… In der Liste stehen bereits knapp 30 andere Namen, da werden wir wohl nicht alleine auf dem Gipfel stehen!
Das Camp ist zum Glück kein Zelt-Camp, sondern eine Wellblechhütte, inklusive kleiner Küche und Toilette. Wir verbringen den restlichen Nachmittag bei grandiosem Bergpanorama mit dem Erlernen eines neuen Kartenspiels, diesmal aber nur in Begleitung von viel Koka-Tee. Um 17 Uhr gibt’s Abendessen, um 18 Uhr ist allgemeine Bettruhe. Schlaf auf über 5000 Metern ist nur leider etwas sehr Seltenes, und so wälzt sich wohl jeder im Bettenlager mit Einschlaftricks von links nach rechts. Selbst Tobi, der mit dem „Ich-schlafe-komme-was-wolle“-Talent von uns beiden, liegt die komplette Nacht wach. Ich schaff’s dann tatsächlich, 2 Stunden Schlaf abzubekommen, bevor um Mitternacht der Wecker klingelt. Der Aufstieg beginnt nachts, um zum Sonnenaufgang am Gipfel zu sein. Eine Banane und eine letzte Tasse Tee, ein kurzer Gang zur halbgefrorenen Toilette und los geht’s Richtung Gipfel! Es liegen nur noch schlappe 900 Höhenmeter vor uns, und wir sind hochmotiviert – wir wollen definitiv da hoch und nicht zu den 20 % gehören, die umkehren!
Anfangs fühlen wir uns recht fit, wir haben keine Höhenprobleme wie Kopfschmerzen oder Bauchbeschwerden. Nach ca. 40 Minuten felsigem Aufstieg schnallen wir die Steigeisen und Sicherungsgurte an und laufen ab jetzt in unserer 3er-Seilschaft. Wir reihen uns in den Stirnlampen-Gänsemarsch ein, denn es sind heute insgesamt knapp 40 Bergsteiger unterwegs. Die Höhe merkt man deutlich, wir schnaufen ordentlich, mit langsamem Tempo und regelmäßigen Pausen stapfen wir durch den Schnee.
Eine kurze Eiskletterpassage zwingt alle zu einer Pause, mit der Erholung klappt es aber noch relativ gut. Dann plötzlich kippt in mir irgendein Schalter um. Meine Beine werden schwach und meine Atmung beruhigt sich nur noch schwer. Mir ist jedes Wort zu viel, und so steigen wir ziemlich schweigend weiter. Jeder Meter höher und damit jeder Funken Sauerstoff weniger macht jetzt etwas aus, die Atmung erholt sich auf knapp 6000 Metern einfach nicht mehr richtig. Zum Glück haben wir noch genug Zeit bis zum Sonnenaufgang, und so gibt’s eben viele, viele Pausen. Aber aufgegeben wird nicht! Die letzten 200 Meter bis zum Gipfel werden vor allem für mich zur kleinen Hölle, bei 45 Grad Neigung kraxeln wir mit Eispickel und den vorderen Sporen unserer Steigeisen seitlich am Hang entlang. Müde, wackelige Beine sind da nicht gerade eine Hilfe. Und da steigt dann auch trotz großer Erschöpfung die erste Wut in uns auf. Wir klettern an der Wand entlang, da zieht unterhalb von uns ein besonders ehrgeiziger Guide mit seiner offensichtlich ziemlich erschöpften Seilschaft an uns vorbei, mit dem Ergebnis, dass sein mittlerer Schützling abrutscht, zwei Meter nach unten rutscht und dabei fast ein wohl ohnehin schon lockeres Steigeisen verliert. Er wird von seiner Seilschaft gehalten und krabbelt unversehrt zurück, und trotzdem stößt einem das auf! Liebe Bolivianer, ihr seid hier auf dem Berg nicht im Straßenverkehr…
Wir schaffen’s jedenfalls tatsächlich auf den Gipfel – ich bin ziemlich am Ende, mir ist leicht übel, und alles, was an meinem Körper zittern kann, schlottert munter vor sich hin. Aber: wir sind oben!!! Die Aussicht ist fantastisch und der Himmel so unglaublich nah! Unser Bergguide Roky grinst und pfeift, keine Spur von Müdigkeit, wo nimmt der jetzt bloß die Luft her… Um uns herum wuseln andere Gruppen aufgeregt in Richtung eigentlichem Foto-Gipfel, die kleine Spitze zwei Meter über uns. Hier kommt leichtes Chaos auf, von allen Seiten kraxeln sie nach Fotos lechzend nach oben, und wieder sind wir ein wenig genervt. Wirklich aufpassen will hier irgendwie keiner mehr, und auf Gipfel-Gedränge haben wir nun wirklich keine Lust. Meine Wackelpuddingbeine im Übrigen auch nicht! Viel Zeit haben wir eh nicht, die Guides drängen bereits zum Abstieg, bevor die Sonne das Eis gefährlich erwärmt. Und der Abstieg hat’s in sich, besonders die seitliche Wand ist jetzt sehr anstrengend, und das steile Bergabgehen wird zur Qual für zittrige Beine und Knie. Gegen 11 Uhr sind wir wieder zurück im High Camp. Gemeinsam mit anderen Mitstreitern philosophieren wir erst mal über die Geldsumme, die man uns bieten müsste, um so etwas in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten oder Jahren nochmal zu machen und überlegen, was wir nun alles schlucken könnten – Schmerzmittel für die Knie, Vomex gegen die Übelkeit oder ein Antidiuretikum gegen Höhenprobleme? Nach einer kurzen Pause steigen wir jedenfalls ziemlich wackelig ab zum Bus. Unser Guide bleibt übrigens gleich im Camp, er hat nämlich bereits die nächsten Kunden und spaziert in derselben Nacht einfach nochmal da hoch…
Die nächsten Nächte verbringen wir zur Erholung im schweizerischen Camping/Hotel Oberland in La Paz, als Belohnung gibt’s Züricher Geschnetzeltes, Kartoffelrösti und Nussparfait! Und wir sind wirklich ganz schön k.o., die Treppen Richtung Duschhaus stellen eine ganz schöne Herausforderung dar…
Die Erfahrung, mal so weit da oben zu stehen, war grandios. Gleichzeitig sind wir aber auch ein wenig geschockt, dass wir die Anstrengung in der Höhe dann doch so schlecht vertragen haben. Wir schlafen sehr gut auf über 4000 Höhenmetern, schließlich sind wir schon seit ca. zwei Monaten in diesen Höhengefilden unterwegs, und bewegen uns hier viel, selbst Jogging klappt mittlerweile gut auf 4000 Metern. Und trotzdem lässt sich’s nicht vorhersagen, wer die Höhenverhältnisse gut verträgt und wer darunter extrem leidet.
Ein wenig geschockt sind wir außerdem von der Organisation dieser Bergtouren. Im Vorfeld haben wir einige Agenturen abgeklappert, um uns zu informieren. Für diese Tour gibt es keine wirklichen Voraussetzungen, keiner fragt nach Erfahrungen in Bergsteigen, Wandern oder nach der Fitness. Macht aber auch nichts. Die völlig untrainierten Asiaten, die für’s Peace-Foto da unbedingt hoch müssen, lassen sich im Notfall ja auch am Seil hochziehen. Für die schwierigen Stellen gibt’s die Eispickel, mit denen man von hinten bedrohlich die nächste Seilschaft ein wenig bedrängeln kann. Dichtes Auflaufen hilft an schwierigen Stellen eh immens, um unerfahrene Touristen schneller und vor allem sicher nach oben zu bringen. Eine gute Erfindung wäre die tragbare Helm-Hupe, die Alternative, wenn gerade mal kein bunt blinkender Toyota Corolla zur Hand ist, um ein aggressives Überholmanöver immerhin kurz vorher anzukündigen. Denn, wie wir alle wissen, oberste Regel am Berg: Wer zuletzt am Gipfel ist, den das heilige Lama frisst!
Nein, im Ernst, das mag alles ein wenig überspitzt klingen, aber an manchen Stellen ist Bolivian Style eben unangebracht, auch ein „leichter“ 6000er sollte einfach nicht unterschätzt werden…
Ach ja, News am Rande: es gibt ganz erfreuliche, heiß ersehnte, alles andere in den Schatten stellende Neuigkeiten – wir haben den Berg als zwei Nichtraucher bezwungen! Ja, richtig, ZWEI Nichtraucher! Das macht gleich zwei Haken auf der To-Do-Liste, 6000-once-in-a-lifetime (und zwar wirklich „once in a lifetime“, ächz…) und weg mit den Fluppen – check!!!!!
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