Von Sergio’s „Landhaus“-Camping in Santa Cruz kommen wir so schnell nicht los. Um bedeutende australische Trinkspiele zu erlernen, müssen wir noch einige Tage bleiben. Riding the Bus, we love it! Und wieder gibt’s ein grandioses Käsefondue, diesmal allerdings von französischer Seite – ob nun das schweizerische oder das französische besser ist, wir wollen uns da mal noch nicht festlegen…

Unser nächster Stopp soll La Paz sein, wir konzentrieren uns dabei wieder auf die weißen und gelben Sträßchen in unserer Straßenkarte, rote Hauptstraßen kann ja jeder! Und so kommt es, dass wir für ca. 700 km mal wieder eine Woche auf wunderschönen Bergstraßen unterwegs sind. Die kurvigen Pisten erlauben uns eine Maximalgeschwindigkeit von 20 km/h, und so kommen wir trotz voller Fahrtage nur recht langsam vorwärts. Bei Regen und Dunkelheit bleibt vor uns ein LKW in einer matschigen Kurve stecken, ungefähr 20 Fahrer versuchen, ihn per Muskelkraft an Seilen herausziehen. Gute Late-Night-Show, funktioniert nur leider nicht. Also wird nebendran eine künstliche Brücke über einen Graben gebaut, sehr nettes Teamwork mit den Bolivianern, die dann nur leider wieder zum Tier mutieren, sobald sie zurück in ihrem Auto sitzen.

Hier auf der Strecke treffen wir tatsächlich noch auf Menschen, die noch nie einem Europäer mit europäischem Auto, in dem auch noch geschlafen wird, begegnet sind, gebannt wird daher unser rollendes Zuhause begutachtet. Es geht über die sog. Yungas Richtung Coroico. Die Anden-Ostabhänge, sprich der Abbruch der Anden ins tropische Beni-Tiefland, bieten sämtliche Klima- und Vegetationszonen Südamerikas auf einem Gefälle von ca. 3000 Metern. Eine der spektakulären Straßen in dieser Region ist die als gefährlichste Straße der Welt bekannte „Death Road“ – aber dazu später! In Chulumani suchen wir einen ebenen Platz zum Übernachten und Schrauben, da – es wurde mal wieder Zeit – unser Turbolader zickt. Wir landen im öffentlichen Schwimmbad, das wohl gleichzeitig auch Zeltplatz und Hotel ist. Wo man uns in der Preisliste kategorisiert, da ist man sich nicht so sicher, kein Zelt, kein Hotel, nur Parkplatz…? Schlussendlich einigen wir uns auf umgerechnet 2,50 Euro pro Nacht, nach drei Nächten werden dann aber nur 5 Euro abkassiert – ein Rechenfehler oder wahnsinnige Gastfreundlichkeit, das weiß man hier nie, Bolivian Style eben!

Ob’s nun unser Turbo ist oder der manchmal schlechte bolivianische Diesel, der unseren Motor kurzzeitig so schwächeln lässt, wir sind uns nicht sicher. Auf jeden Fall lassen wir die „Death Road“ sicherheitshalber erst mal aus. In La Paz landen wir auf Empfehlung vom weitbekannten Overlander-Mechaniker Ernesto Hug in Eduardo’s Werkstatt „Diesel La Paz“ in El Alto, der sich speziell um Dieselfahrzeuge kümmert. Hier wollen wir nicht wie in Santiago mehrere Wochen verbringen, nach südamerikanischer Manier dauert alles aber trotzdem ein wenig länger. Zum Glück gibt’s geteiltes Leid, denn die Brasilianer Sofia und Artur, die wir bereits aus San Pedro und Salta kennen, stoßen mit einer kaputten Lichtmaschine zu uns und so wird aus der Misere gemeinsames Werkstatt-Camping! Die Mechaniker-Jungs sind wahnsinnig bemüht, nach 10 Tagen verlassen wir die Werkstatt – diesmal relativ günstig – mit nochmals revidiertem Turbo, neu eingestellter Dieselpumpe, überholten Lenkkopflagern und Lichtmaschinencheck…

El Alto, auf 4000 Höhenmetern gelegen, war ursprünglich ein Stadtteil von La Paz, hat sich mittlerweile aber zu eigenen Stadt gemausert. Schätzungen zufolge leben hier wohl mittlerweile auch über 900 000 Menschen, und es werden täglich mehr. Die Landflucht in Bolivien treibt viele vor allem ärmere Indigena aus dem ländlichen Hochland in das „Auffangbecken“ El Alto. Hier gibt es keine alten, kolonialen Bauten, Sehenswürdigkeiten oder ähnliches. Die Ansammlung von Backsteinhäusern, Wellblechdächern und Märkten ist einfach ein riesiges Gewusel. El Alto und La Paz sind durch Telefericos, genauer gesagt österreichische Doppelmayr-Gondeln verbunden – und wir sind begeistert. Statt sich in überfüllten Minibussen und Taxis durch die Stadt zu kämpfen, gleitet man in La Paz entspannt über die Häuser hinweg, für spärliche 40 Cent pro Fahrt. Die Stadt verfügt momentan über drei Seilbahn-Linien, es wird aber bereits an weiteren 5 Linien gearbeitet.

Während unseres Werkstattaufenthaltes können wir also entspannt La Paz besuchen, ohne uns um sichere Parkplätze kümmern zu müssen. Die Stadt gefällt uns, ein riesiger Mix aus Marktfrauen mit mehrschichtigen Röcken und Bowlerhüten, Geschäftsleuten, steilen Straßen und Minibussen, Märkten und Touristenagenturen.

La Paz liegt auf 3600 Höhenmetern im Talkessel am Ende der Cordillera Real, der Blick auf all die am Berg gebauten Häuser ist faszinierend. Das Fahren mit unserem Bus erweist sich allerdings als stressig, die steilen Berge lassen unseren dicken Hintern mit schwachem Motor manchmal straucheln, der Geländegang muss herhalten und die Kupplung leidet ordentlich!

Die Testfahrt nach der Werkstatt besteht er dennoch sehr gut, es geht für ihn auf die Rekordhöhe von 5320 Metern nach Chacaltaya. Der Berg konnte sich ehemals mit dem Titel „höchstgelegenes Skigebiet der Welt“ rühmen, seit einigen Jahren jedoch ist hier kein Schnee mehr zu sehen, der Klimawandel hat auch diesen Gletscher dahingerafft. Schade, wir hätten gerne die ehemalige Skihütte eines Österreichers hier besucht, der wohl früher Kaiserschmarrn und andere heimische Schmankerl serviert hat.

Die Nacht nach der Testfahrt verbringen wir in der Nähe, im Zongotal auf 4700 Metern. Wir schlafen hier relativ gut, unsere Höhenanpassung nach mittlerweile fast 8 Wochen Höhenaufenthalt scheint gut zu funktionieren. Nachts blicken wir auf den faszinierenden 6000er Huayna Potosi, kleiner Vorgeschmack, wir haben da nämlich vielleicht noch was vor…

Zunächst geht’s aber nochmal in normale Höhen, wir wollen Artur und Sofia wieder treffen und einen weiteren Abstecher in die Yungas machen, denn die obligatorische „Death Road“ Boliviens fehlt ja noch auf unserem Reiseplan. Wir besuchen nochmals Coroico und begleiten die zwei Brasilianer nach Tocana, einer afrobolivianischen Gemeinde. Die Menschen hier sind Nachkommen ehemaliger Sklaven, die zur Arbeit in den Minen verpflichtet wurden, sich aber nicht an die Höhe anpassen konnten, und daher in Koka- und Kaffeeplantagen eingesetzt wurden. Der Ort wird auch in den Ausflugsagenturen Coroicos angeboten, jedoch sind die Bewohner wohl alles andere als begeistert von ihrer Berühmtheit. Wenn eine Gruppe von Touristen durch das Dorf stapft, um Fotos von „schwarzen Bolivianern“ zu machen, kann man das irgendwie auch verstehen. Als wir dort ankommen, braucht es daher einige Gespräche, aber dank der grandiosen Spanischkenntnisse unserer brasilianischer Freunde nimmt uns die Dorfgemeinde dann sehr nett auf. Wir bekommen einen schönen Übernachtungsplatz und sogar eine Einladung zu einem im ersten Moment für uns sehr intimen, traditionellen Fest. Nach dem Tod des Ehepartners gilt eine einjährige Trauerphase für die Witwe bzw. den Witwer. Nach Ende dieser Trauerzeit wird in der Gemeinde ein riesiges Fest veranstaltet, jeder Gast spendet Geld und bekommt im Gegenzug viel (wirklich viel!) Bier und Schnaps. Und dann wird ordentlich getrunken! Uns gefällt, dass es vor allem die Frauen ordentlich krachen lassen. Hier gilt die Frau als Matrone, die den Alltag und die Familie bestimmt und zusammenhält – keine Spur von männerdominierter Kultur!

Den Rückweg nach La Paz nehmen wir jetzt über die ehemals gefährlichste Straße der Welt. Die Straße, die teilweise nur genau Platz für ein Fahrzeug bietet, führt spektakulär an Nebelwald-Abhängen entlang und bietet grandiose Ausblicke, keine Frage. Seit jedoch vor einigen Jahren eine asphaltierte Umgehungsstraße gebaut wurde, stellen die einheitlich kostümierten Mountainbikergruppen der Touristenagenturen jedoch die einzige Gefahr des Gegenverkehrs dar. Der übrige Verkehr wählt natürlich die schnellere, sichere Umgehung. Wir fahren die Route extra erst spätnachmittags und umgehen so die Radfahr-Hochphase und auch die Touristen-Taxe. Die Strecke bietet tatsächlich atemberaubende Ausblicke. Da wir in Richtung „nach oben“ fahren, haben wir das Vorrecht, auf der linken Seite, sprich der Bergseite, zu fahren. Schön, dann muss man bei Gegenverkehr wenigstens nicht in Richtung des steil abfallenden Abgrundes ausweichen. Dafür kann man (oder besser gesagt Frau) so im Wassergraben an der Bergseite landen – rückwärts rangieren will eben gelernt sein! Aber man (oder Frau) muss ja nicht alles können, stimmt’s?