Pläne sind dazu da, sie über den Haufen zu werfen. Also biegen wir in Santa Cruz nicht wie geplant nach links ab, sondern nach rechts. Zu oft haben wir in den letzten Wochen andere Reisende getroffen, die vom brasilianischen Pantanal schwärmen und uns faszinierende Tierbilder präsentieren. Eigentlich sollte unser anfänglicher Brasilien-Süd-Ausflug der einzige in dieses Land sein. Für unseren Reiseplan ist das Land einfach zu groß und wird/soll/kann nochmal eine Reise für sich werden. Aber um den kleinen Abstecher ins nahe gelegene Pantanal kommen wir jetzt irgendwie nicht herum…
Dieses größte Sumpfgebiet der Erde besitzt die größte Dichte beobachtbarer Tiere in Brasilien. Verseuchungen der Flussläufe mit Quecksilber durch Gold- und Diamantensucher in den 70er Jahren, Vergiftung der Fischbestände durch die Ableitung von Abwasser, Abholzung der Bäume für die Sojaproduktion… wie viele andere Regionen hat auch der Pantanal unter Umweltverschmutzungen bereits enorm gelitten, zum Glück wurde hier aber die Bremse gezogen, denn heute wird im Sumpfgebiet Ökotourismus groß geschrieben. Und so tümmeln sich hier munter neben unzähligen Rinderherden wilde Wasserschweine, Ameisenbären, Tapire, Anacondas, Riesenotter, Affen, Wölfe und und und… Besonders beeindruckend ist die Vogelwelt mit ca. 650 verschiedenen Arten. Am häufigsten läuft man aber den Jacarés über den Weg – den bis zu 2,50 Meter langen Kaymanen.
Wir entscheiden uns, nur den nördlichen, ursprünglicheren Teil des Pantanals zu besuchen.
Die Route nach Brasilien führt uns über eine Erd- und Sandpiste zur brasilianischen Grenze. Auf der Strecke werden wir so oft kontrolliert wie noch nie. Die Straße wird gerne von Drogen-Schmugglern genutzt, daher müssen wir durch diverse Militär-Checkpunkte und Fahrzeugkontrollen. Jedes Mal werden unsere Daten registriert, auf Nachfragen reagieren die maximal 15jährigen voll ausstaffierten Soldaten irgendwie unsicher, und mit dem Lesen von Pässen klappt’s auch nicht immer so richtig, „Tobias Mirchi“ und „Anja Deutsch“ sind da gerade in Bolivien unterwegs. Ein spontaner Straßenstopp für eine ausgiebige Kontrolle macht uns besonders Spaß, die findet nämlich bei Dämmerung neben einem Flusslauf im Moskitoschlaraffenland statt. Da soll man dann nicht ungeduldig und nervös wirken, während die offensichtlich insektenimmunen Soldaten den Bus nach Drogen durchfilzen.
Die bolivianischen Pisten kosten uns leider einen Reifen, da steckt doch tatsächlich auf einmal ein 10 cm langes Metallrohr tief drin, was für ein Pech!!! Und eine Delle muss der Bus auch einstecken: normalerweise weichen Kühe auf der Straße ja aus, eine hat sich jedoch noch für’s kurzfristige Umdrehen entschieden und ist gleich mit dem Kopf gegen unser Auto geschlagen. Die Kuh schien wohlauf, aber der Bus hat eine dicke Delle… Blöde Kuh!
In Brasilien angekommen steuern wir erst mal die Großstadt Cuiaba an, um gleich einen neuen Reifen zu kaufen. Die Brasilianer überschlagen sich mit ihrer Hilfsbereitschaft, wir werden freudig von Shop zu Shop bugsiert, bis wir unsere Reifen bekommen. Leider sind die hier fast doppelt so teuer wie zuhause, die Brasilianer haben genau wie die Bolivianer hohe Importzölle, da lässt sich auch nichts feilschen. Doppelt Pech!
Den Pantanal erreichen wir über die Transpantaneira, eine 145 km lange, vom Militär gebaute, fast durchgängig gerade Piste ins Sumpfgebiet. Die Straße führt über ca. 100 Holzbrücken. Momentan ist Trockenzeit, die Brücken können größtenteils umfahren werden, und überhaupt ist auf und neben der Straße alles ziemlich trocken und staubig. Der Vorteil in der Trockenzeit ist aber, dass die Tiere einfacher zu sehen sind, da sie sich an den wenigeren Wasserstellen tümmeln. Schon auf den ersten Kilometern der Transpantaneira sehen wir an den Flussläufen neben der Straße Hunderte von Kaymanen liegen! Kein Wunder, im gesamten Pantanal leben 35 Millionen (!) Kaymane…
Wir verbringen einige sehr schöne Tage im Paddelboot, beim Piranha-Fischen und – das Highlight – mit Jaguar-Suche. Und wir haben zwei gesehen! Um die Wildkatzen zu entdecken, lohnt es sich, per Bootstour auf dem Rio Cuiaba und seinen Nebengewässern auf die „Jagd“ zu gehen. Die Guides sind mit anderen Booten in Kontakt, und wenn jemand einen Jaguar entdeckt, bekommen die anderen eine Nachricht per Funk und es wird Gas gegeben. Und dann tümpeln eben einige Boote am Sichtungsort und hoffen, dass sich der Jaguar erhebt und gnädigerweise ein paar Schritte am Flussufer seines Jagdreviers macht. Man hat den Eindruck, dieses mächtige Tier genießt es richtig, wenn ein Dutzend angespannter Touristen mit dem Finger auf dem Auslöser gebannt auf den ultimativen Schnappschuss wartet. Wir blicken ein wenig beschämt auf das Boot neben uns, voll besetzt mit Objektiven, die so groß sind wie unser Kopf… Aber wir kriegen auch mit unserer Kamera zwei Jaguare abgelichtet!
Auf dem Rückweg machen wir noch einen Abstecher in den Norden Cuiabas, in die Umgebung Bom Jardins. Dort schnorcheln wir in klaren Urwald-Flüssen und lassen uns per Reifen durch Fledermaushöhlen treiben. Schönes Geplansche! Danach heißt es dann, wieder Abschied zu nehmen, von den furchtbar gastfreundlichen Brasilianern, den schmackhaften Churrascos, dem unglaublich günstigen Cachaca und den 5 Euro-Havaianas – ich bin mir sicher, wir kommen irgendwann mal wieder!
Wir fahren wieder zurück nach Bolivien und über die Route der Missionen nach Santa Cruz. Auch hier in Bolivien gibt es Jesuitenmissionen, siehe Der sumpfige Nordosten Argentiniens in Argentinien. Nur sind die Missionssiedlungen hier nach Abzug der Jesuiten nach Europa nicht verlassen und vom Urwald überwuchert, sondern weiter bewohnt und bewirtschaftet worden. Die Kirchen sind allesamt von Deutschen aufwendig restauriert worden und geben heute mitsamt ihrer aufgeräumten Dörfer ein recht harmonisches, nettes Bild ab.
Zurück in Santa Cruz bleiben wir wieder bei Sergio – hallo, Holzofenschwein und zarte Rinderlende, wir sind wieder hier!
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